„Dein Team bringt Dich ins Ziel“ – TorTour de Ruhr (Pfingsten, 23.-24.05.2026)

Mein bisher längster Lauf scheint auch den bisher längsten Bericht zu erfordern…
Die Fotos steuerte die Crew bei, da ich während des Laufs nichts aufgenommen habe.

Die Herausforderung: Jahresziel 2026

Als „TorTour de Ruhr“ wird ein Ultralauf auf dem Ruhrtalradweg bezeichnet. Drei Streckenlängen sind im Angebot, die längste führt mit ca. 230 km über den ganzen Weg von der Quelle nahe Winterberg bis zur Rheinmündung bei Duisburg. Genau diese ist bereits seit 2024 mein Jahresziel für 2026. Im Sommer vor zwei Jahren habe ich beim Veranstalter Jens Witzel mein Interesse angezeigt; da es sich um einen Einladungslauf handelt, kann man sich nicht einfach anmelden. Nach wenigen Stunden kam die positive Rückmeldung, dass ihm mein „Vorstrafenregister“ genüge (der obligatorische Link zur persönlichen DUV-Statistik). Diese 10.TorTour de Ruhr ist auch die letzte Ausgabe („Adieu-Edition“), also für mich persönlich „the one and only chance“.

Offiziell gibt es beim Hauptlauf 120 Startplätze, tatsächlich stehen 146 LäuferInnen in der Startliste und 6 weitere können sich wohl noch vor Ort anmelden, aber wie das so ist bei langfristigen Ultra-Projekten, kommt bei einigen StarterInnen etwas dazwischen, so dass am Ende 112 an den Start der  230 km gehen. Der Start der langen Strecke erfolgt am Pfingstsamstag um 8:00 Uhr, die 83 Teilnehmer 100 Meilen starten 18 Uhr, bei den 100 km verteilen sich 158 LäuferInnen auf zwei Starts um Mitternacht für die etwas gemütlichere „Touristenklasse “ und um 5 Uhr für die „Raser“. Ziel ist für alle das Monument „Rheinorange“ an der Mündung der Ruhr in den Rhein bei Duisburg.

Mein Ziel besteht ganz einfach darin, die 230 km innerhalb des Zeitlimits von 37 h zu finishen! Die Streckenlänge und insbesondere das dabei nötige Durchschnittstempo von 6.2 Km/h = 9:40 min/km sind sehr herausfordernd! Bei meinem Tempo bleibt kaum Reserve für Handicaps und Überraschungen, die beim Ultralauf (fast) immer auftreten: Verlaufen, Blasen, Verletzungen, Hungerast, Magenprobleme, Durchfall, Erbrechen, Motivationstiefs, Frust, Hitze, Sonnenbrand, Nachtkälte, Unwetter … Darauf müssen wir alle (siehe Crew) vorbereitet sein. Motto: Ich bin bereit zu genießen und zu leiden.

Meine Vorbereitung: 1800 km

Die langfristige Erfahrung seit 2020 besteht aus mittlerweile etwa 15 Marathons und 60 Ultramarathons, davon ~ 10x mit mindestens 24 h und 3x mehr als 30 h, aber bisher nur einem Lauf über 200 km (Heidi 222km in 40 h, das waren stark verregnete Pfingsten 2025 durch die Lüneburger Heide). In dieser Saison ist die 6-wöchige Winterpause extra vorverlegt auf September 2025. Allerdings folgt darauf ein nur mäßiger Einstieg Oktober/November und auch der Start 2026 ist wegen einer Erkältung zum Jahreswechsel und Glatteis Jan/Feb erheblich verzögert. Trotzdem verläuft ab dann das Training 2026 planmäßig: Rund 1800 km sind innerhalb knapp 5 Monaten bis Pfingsten absolviert, inklusive wertvoller, weil kompakter 500 km beim Bayernlauf über 9 Etappen, dem anspruchsvollen Harzer Hexenstieg mit 160 km und dem Supermarathon beim Rennsteiglauf als Trainingsabschluss zwei Wochen vor Pfingsten. Dazu starte ich Anfang Mai eine Ceterizin-Prophylaxe, da andere Teilnehmer von Allergieproblemen berichteten, insbesondere durch Gräser und Pollen (war zum Glück kein Problem).

Umfangreiche Vorbereitung: Dank Etappenlauf und Hexenstieg ist die Skalierung schon sehr ungewöhnlich,
typisch für mich sind eher Wochenumfänge um 50 km mit seltenen Maxima um 100 km.

Das Team / Die Crew

Eine Besonderheit stellt die Veranstalterregel dar: Start kann nur erfolgen mit einer Crew. Ein Ausfall der Crew bedeutet das Ende des Laufs!
Es gibt sehr unterschiedliche Crewgrößen von einzelnen Radbegleitern bis zur ganzen „Fanbase“, die permanent mit 1-2 LäuferInnen plus RadfahrerInnen begleiten, welche mehrfach wechseln und durch Autos unterstützt werden. Einer meiner Mitläufer arbeitet als Laufcoach im Ruhrgebiet und betreut dabei hunderte LäuferInnen, von denen so einige auch an und auf die Strecke kommen.
Unsere Crew besteht aus 5 Personen: Dem von meinen und Franz‘ Berichten bereits bekannten Greifswalder Ultraläufer David als Radbegleitung, meiner Schwester und meiner Frau, die per Bus und Bahn immer wieder an die Strecke kommen und für Nachschub und mentale Unterstützung in Form von lieben Worten, Umarmungen und Küssen sorgen, sowie meiner Studienfreundin und ihrem Mann, die aus Bonn mit Auto anreisend am Abend einsteigen und große Teile der Nachtbegleitung mit ihren Rädern übernehmen wollen. Es ist natürlich die beste Crew, die ich je hatte!

Einige Teamregeln habe ich vorab aufgestellt. Zum einen meine persönliche Bedienungsanleitung, womit nicht das Bedienen, sondern eher so etwas wie ein „Instruction Manual“ gemeint ist: Wie verpflegen, bei welchen Warnzeichen wie eingreifen, wann müssen sie sich Sorgen machen und wann vielleicht sogar die Reissleine ziehen. Es müssen einige Parkverbote vor allem an VPs eingehalten werden, an denen es für (viele) Autos zu eng wäre bzw. wegen Anwohnern keine Durchfahrt möglich ist. Am Ziel darf der Deichbereich nicht befahren werden. Die Veranstalter sagen ganz klar, dass sie die LäuferInnen mit einer Disqualifikation für Missverhalten ihrer Crew bestrafen, selbst oder gerade auf dem letzten Kilometer. Aber auch Läufer können sich die rote Karte verdienen, beispielsweise für Beleidigungen ihrer eigenen Crew (!) oder der Helfer an der Strecke.

Die Veranstalter haben mit viel Liebe zum Detail ein über 150-seitiges Roadbook erstellt. Das enthält sehr viele Hinweise und Beschreibungen zum Ablauf, zur Lage der VPs und kritischer Stellen an der Strecke, an denen Vorsicht geboten ist (Beispiel: Steile Böschung! Rechts abbiegen und dem gepflasterten Weg 300 m folgen, dann links…). Es gibt auch rund 100 Vorschläge für Treffpunkte zwischen Crew und LäuferIn mit unterschiedlich guten Parkmöglichkeiten, die jeweils mit GPS-Koordinaten, Adresse fürs Navi, Beschreibung der Parkplatzgröße und wichtigsten Eigenschaften sowie einem Foto versehen sind. Mächtig gewaltig!

Die gegenseitige Unterstützung der Crews wird in Berichten immer wieder hervor gehoben. Es gibt kein wettkämpferisches Gegeneinander, denn anderen zu helfen macht genauso Freude wie dem eigenen Läufer. Nicht selten wird so ein Treffpunkt zur großen Party mit ständig wechselndem Publikum, wobei einige Crews immer wieder getroffen werden. Das werde ich selbst mehrfach erleben, insbesondere bei den Lauffreunden der LG Mauerweg: Vor dem Start gebe ich mein Zweitshirt ab, das ich sicherheitshalber drübergezogen habe. Harald nimmt es gern entgegen, als er sieht, dass es vom FDZU ist – noch größer wird seine Freude als mein Laufshirt sichtbar wird, das Volunteershirt vom 2022er Mauerweglauf. Später erhalte ich u.a. von ihm Kartoffeln und von anderen Begleitern mehrfach Eisstücke zur Kühlung von Kopf und Magen.

Die Wegfindung

Der Ruhrtalradweg ist ein Premium-Radweg und die Orientierung grundsätzlich sehr gut. Wir haben uns Spiralo-Karten im Maßstab 1:50.000 besorgt (BVA Bielefelder Verlag und bikeline, die mir persönlich etwas besser gefallen). Diese wasserfesten Karten habe ich per Edding mit weiteren Infos zu VPs, Kilometerangaben (aus Motivationsgründen rückwärts zählend!) und Streckenhinweisen des Veranstalters wie Abweichungen vom RTRW versehen. Auch einige Trinkbrunnen sind eingezeichnet, damit der Wassernachschub im Wortsinne leichter wird. Die vom Veranstalter erstellten GPX-Tracks der Strecke sind sowohl auf dem am Fahrradlenker montierten etrex-Navi und als auch auf meiner neuen Laufuhr vorhanden. Außerdem kennzeichnet der Veranstalter kritische Stellen vor Ort sehr gut mit Pfeilen und Schildern! Diese Mischung sorgt für nur wenige und dabei ausschließlich harmlose Verlaufer.

Beschilderung RuhrtalRadweg: rot-weiß (NRW-Radwegenetz)

Unsere Anreise

Eine Bahnanreise ist ja so entspannt! Leider ist es heutzutage bereits erwähnenswert, dass wir nach der Fahrt mit dem Regionalexpress von Greifswald (und Umstieg in Angermünde) den Anschluss am Berliner Hauptbahnhof schaffen, obwohl wir „nur“ 17 Minuten Zeit haben und dabei natürlich von ganz unten nach ganz oben müssen. Kurz vor dem Hauptbahnhof hält unser Zug noch einige Minuten, die uns unruhig werden lassen, aber es bleiben 10 min übrig. Es gibt zwar Fahrstühle von jedem unteren zu jedem oberen Bahnsteig (pro Kombination jeweils einen), doch bei den vielen Zwischenstopps wäre das viel zu riskant, weshalb wir lieber über die Treppen hetzen und das Durcheinander der umherirrenden Reisenden in Kauf nehmen. Völlig überraschend kommen wir halbwegs pünktlich ins Ruhrgebiet, auch die Radreservierung im ICE klappt. Den ersten Anschluss in Hamm schaffen wir nicht, aber die Verspätung passt zum Zeitfenster bis zum nächsten Zug und auch in Wickede klappt der kurze Umstieg. Der Schienenersatzverkehr auf den letzten 25 km zwischen Olsberg und Winterberg überrascht uns nicht, denn der ist seit einigen Tagen angekündigt, aber leider genügen ein paar Minuten Verspätung, um die Busse vom Zug aus abfahren zu sehen. Wen die wohl transportieren? Am Busbahnhof gibt es ein großes Hallo, denn wir treffen Martina, die u.a. die technische Organisation der ersten Heidi-Challenge 2024 so perfekt machte. Wir entscheiden uns für ein Uber-Taxi nach Winterberg, David darf schon einmal das Radfahren im Sauerland üben und fährt gleich zum B&B Hotel nach Elkeringhausen (auf dem Weg schießt er noch ein Foto von der Ruhrquelle). Die Startunterlagen sind schnell abgeholt und es bleibt trotz Begrüßung einiger Bekannter noch genügend Zeit für Eis (für meine Frau) und Pasta (für mich) sowie Einkauf (fürs Abendbrot), bis wir mit dem Bus ebenfalls nach Elkeringhausen fahren. Dort sehen wir kurz vor dem Ausstieg gerade noch den Radfahrer David um die Ecke huschen. Als wir folgen, finden wir weitere Crews mit Läufern vor, die bereits die Chefin des B&B informiert haben. Unter Austausch der üblichen Höflichkeiten, Wetterprognosen und letzten Tipps wird eingecheckt. Dann wird weitergefuttert, als hätte es heute noch nichts zu essen gegeben und würde es morgen auch nichts geben.

Wir gehen früh ins Bett und können bis 6 Uhr schlafen, was mir recht gut gelingt, da mich mein eigenes Schnarchen nicht stört. Die anderen Beiden verschieben ihre Beschwerden höflicherweise erst mal. Für mich gibt es eingeweichte Haferflocken und Kräutertee, ein halbes Baguette und später noch Banane und Kekse. Freundlicherweise hat Ulrich Trodler mit seiner Crew noch einen Platz im Wohnmobil frei und nimmt mich wie gestern Abend versprochen mit zum Start, wo der kleine Parkplatz an der Ruhrquelle erwartungsgemäß schon völlig überfüllt ist. Die letzte halbe Stunde ist von einigen Begrüßungen und viel Nervosität geprägt sowie dem finalen Briefing durch Jens. Pünktlich 8 Uhr geht es los, dank der vielen Crewmitglieder und offiziellen Helfer mit erstaunlichem Beifall. Meine Crew kann derweil im B&B frühstücken (das gibt es ebenfalls ab 8 Uhr) und bekommt als kleines Extra noch ein Video vom Start gezeigt, das von einer weiteren Crew aufgenommen wurde, die nach dem Start erst einmal frühstücken.

Lockerer Start

Diese „TorTour“ macht ihrem Namen alle Ehre, das darf wohl behauptet werden. Es sind nicht nur für mich die ersten richtig heißen Tage des Jahres, weshalb die noch ungewohnte Hitze bei fast keinem Wind und oft ohne Schatten ein rennentscheidender Faktor wird. Nur durch meine Crew kann ich es schaffen, das durchzustehen! Die permanente Verfügbarkeit von Getränken ist für mich unbedingt nötig, bei den großen VP-Abständen würde es nur mit Laufweste nicht über die Dauer des Rennens gehen. Schon bald merke ich auch meine in den letzten Jahren angesammelte Erfahrung:

– Die anfängliche Orientierung möglichst weit nach hinten im Teilnehmerfeld, da auch bei Ultraläufen mit noch so erfahrenen Mitstreitern eigentlich immer viel zu schnell gestartet wird. Das klappt grundsätzlich ganz gut, allerdings bleibt hier und heute abzuwägen zwischen dem bei solchen Distanzen sinnvollen Starttempo „as slow as possible“ einerseits und dem für mich sehr knappen Zeitlimit von 37 h auf 230 km andererseits. Von über 700 Höhenmetern bei Winterberg geht es auf den ersten 20 km bereits um 300 hm bergab. Morgens nach 8 Uhr sind die Temperaturen noch unter 20 Grad und wir laufen hauptsächlich im schattigen Wald, zusätzlich gekühlt durch das kleine „Rührchen“ neben uns.

– Die Hitzeläufe am Mauerweg und bei den beiden Heidi-Challenges (insbesondere der letzte Tag 2025 durch Berlin), die ich mir immer wieder in Erinnerung rufe und wie viel wir da tranken (trotz weniger als 10 km zwischen den VPs reichten meine zwei Halbliterflaschen in der Laufweste nicht aus).

– Die Gewöhnung an Dunkelheit, Stirnlampen, Orientierung, Kälte und Müdigkeit insbesondere in den Morgenstunden vor Sonnenaufgang nach mittlerweile mehr als ein Dutzend durchgelaufener Nächte.

Eigentlich ist mein Plan, mit Dorothee von der LG Mauerweg zu quatschen, da wir uns schon einige Zeit nicht mehr gesehen, aber vor ein paar Jahren sehr gut miteinander ausgekommen sind. Ihr verdanke ich den Einblick in ihren Trainingsplan für die TorTour, der leicht adaptiert auch meiner wurde. Wir sollten ein ähnliches Tempo haben, doch wie sich zeigt, ist sie noch disziplinierter und liegt stets ein Stück hinter mir. Ab und zu sehen wir uns anfangs noch kurz, aber wider Erwarten schließt sich die Lücke nicht. Sie läuft ein perfektes Rennen und finisht mit gutem Puffer unter 37 Stunden (Es ist immer wieder beeindruckend, wie sehr man sich über die Erfolge der Anderen freuen kann – das geht mir bei der TorTour mehrfach so!). Statt mit Dorothee laufe ich anfangs einige Zeit mit Kerstin, die ich vom Herforder Highway Ultra und aus vielen sehr motivierenden Videos bei Youtube kenne. Sie wird von ihrem Frank auf dem Fahrrad begleitet, der immer wieder kurze Videoschnipsel aufnimmt, um die gute Anfangsstimmung festzuhalten. Mir fällt heute eine besondere Atmosphäre auf: Während Ultraläufer (meines Kalibers) sonst am Anfang eines Laufs versuchen, den Teil durch ununterbrochenes Reden zu überbrücken, in dem sie noch viele Reserven haben aber nicht durch zu schnelles Tempo vergeuden wollen, ist hier fast Ruhe! Alle haben großen Respekt vor der Aufgabe, die vor uns liegt.

Nach gut 20 km erreichen wir Olsberg. Inzwischen habe ich meine beiden Riegel gegessen und den halben Liter Iso und das an einem Brunnen nachgefüllte Wasser aus der Softflask längst aufgebraucht. Hier könnte meine Frau stehen, falls die Busfahrt um Umstieg geklappt hat. Und tatsächlich, da ist sie! Ich freue mich ja immer sie zu sehen, aber diesmal noch sehr viel mehr. Zunächst bemerkt sie mich gar nicht und dann ist sie ganz überrascht: „Du bist 40 Minuten vor Deinem Zeitplan!“ Reumütig berichte ich von bisher sehr guten Bedingungen, bei denen ein langsameres Tempo kaum sinnvoll gewesen wäre, und erhalte den ersten Nachschub an Speis und Trank sowie Küssen. Auch Harald sehe ich auf Dorothee wartend und hole mein deponiertes Shirt ab, um es meiner Frau zur Verwahrung zu geben. Keine 10 km sind es noch bis zum ersten offiziellen VP202 an der Bäckerei Köster. Die wirkt für mich schon wie eine Berühmtheit, so oft habe ich in der Vorbereitung diesen Namen gelesen und geschrieben. Es gibt eine sehr große Auswahl mit Schwerpunkt auf belegten Brötchen und anderen hausgebackenen Leckereien. Nach kurzem Check auf Laktosefreiheit verdrücke ich einige Teile und mache mich mit vollen Händen auf den weiteren Weg. Ein paar Kilometer später finden wir den ersten RTRW-Trinkbrunnen und heraus, wie das Wasser auf Knopfdruck springt. Inzwischen ist es sehr warm und sonnig, nur noch ab und zu gibt es Schatten. Das Basecap samt Kopf sowie die Arme werden ebenfalls ins kühle Nass gehalten. Diese Kühlung wird in der Folge zu einem weiteren wichtigen Faktor, der die Chancen aufs Finish entscheidend verbessert. Bei der Anmeldung habe gestern ich dünne Ärmlinge gekauft und nun trage ich sie gleich vom Start an, obwohl meine fast „heilige Regel“ (mein Aberglaube) sagt, nichts mit Logo eines Wettkampfs zu kaufen oder gar anzuziehen, bevor dieser nicht schon mal gefinisht wurde. Es ist einfach zu praktisch! Außerdem krempele ich die Ärmlinge nach einigen Stunden um, sodass die schwarze Seite (mit Logo) von außen nach innen und die weiße (unbedruckte) Seite nach außen gelangt. Das kommt davon, wenn man bei der Arbeit zu oft mit Emissionskoeffizienten zu tun hat…

Ein heißer Samstag – 30°C im Schatten, mehr in der Sonne

Nach etwa 30 km holt mich David mit dem Fahrrad ein. Von nun an werde ich bis ins Ziel immer mindestens eine Radbegleitung haben; Unterhaltung, Getränke und Essen sind nun permanent verfügbar. Kaum hat David nach wenigen km ein Problem mit seinem Rad und bleibt ein paar Minuten stehen, steht meine Frau im nächsten Ort an der Strecke. Eine oder zwei Stunden später wiederholt sich das, als ich David um ein Eis bitte und er zu Supermarkt und Tankstelle abbiegt: Hundert Meter weiter steht sie mit Melonenstücken vorm Edeka. Sie meint, (wasserbasiertes) Fruchteis gäbe es dort nicht, aber das bringt mir David kurz darauf vorbei und versorgt auch gleich noch den nächsten Läufer mit. Was für eine perfekte Ergänzung!

So vergeht die Zeit, mir geht es ganz gut, doch die Hitze belastet nicht wenig, mittlerweile sind es 30 °C. Vor allem vom Iso-Getränk trinke ich viel. Da ich ja bei den handelsüblichen Iso-Getränke(pulver)n den allgegenwärtigen Zitrusgeschmack nicht mag (möglicherweise auch nicht gut vertrage), nutze ich selbstgemixtes Isopulver frei nach Herbert Steffny:
20 g Traubenzucker, 20 g Haushaltszucker, 20 g Maltodextrin, 1.5 g Kochsalz pro Liter Wasser, etwas Backpulver und etwas Maismehl sowie als Geschmacksgeber und Koffeinbooster noch lösliches Kaffeepulver.
Davon habe ich zu Hause gleich eine große Menge gemischt und Portionen zu etwa 700 ml für die Fahrradflasche abgefüllt in Ziplock-Tüten (Überbleibsel von Corona-Tests). Jeweils Fünferpacks sind nochmals in vier Beuteln verpackt, die dann als Zwischenvorrat an die Radbegleitung ausgereicht werden. Sobald die Radflasche leer ist, hält der/die jeweilige RadfahrerIn immer gleich an und füllt mit großer Wasserflasche und Pulver wieder auf. Es ist nur das magische Wort „Iso“ nötig und schon kommt die Flasche angezaubert, nach meinem Gefühl etwa alle Viertelstunde. Das funktioniert bis zum Ende hervorragend, so dass ich allein vom Iso in den anderthalb Tagen rund 10 l schaffe. Meist trinke ich noch etwas Wasser aus einer Softflask hinterher und befeuchte den Kopf (mit Basecap) sowie die Arme (mit Ärmlingen). An den VPs trinke ich ab dem Abend auch noch Brühe, denn mit Iso und Wasser allein wird der Salzverlust nicht ausgeglichen, sagt das Gefühl. Zusätzlich tunke ich auch mal Bananenstücke in Salzschälchen (wenn vorhanden) oder esse zwei Tucs mit dem 1g-Inhalt von Kochsalzbeuteln dazwischen. Das funktioniert halbwegs, aber beim nächsten Lauf muss ich mich dafür eine bessere Strategie ausdenken. Natürlich trinke ich auch Cola an den VPs und ab dem Abend auch von meiner Crew. Insgesamt liegt meine Flüssigkeitsaufnahme während des Laufs bei etwa 20 l (zwanzig Litern!) in anderthalb Tagen! Die beste Kontrolle ist die Häufigkeit und Farbe des Wasserlassens während des Laufs. Nachts klappt das nicht ganz so gut, aber am Tage „läuft es wieder besser“. Trotzdem endet der Lauf mit einem (noch akzeptablen) Defizit.

Noch sind wir aber nicht so weit. Beim zweiten offiziellen VP173 in Oeventrop sind gerade mal 56 km geschafft und wir bleiben nicht lange stehen. Wir treffen erneut meine Frau und auch meine Schwester, deren Anreise sich durch die üblichen Nahverkehrsprobleme etwas verzögert hat. Wie gut, dass es seit Olsberg einen rund 100 km langen Abschnitt gibt, an dem die Bahnstrecke durchs Ruhrtal führt, was immer wieder potentielle Treffpunkte ermöglicht. In Arnsberg sehen wir am Bahnhof gerade einen Zug einfahren und ich schicke David mal auf gut Glück los Richtung Ausgang: Tatsächlich sind sie gerade angekommen und wir machen spontan eine kurze gemeinsame Pause. Die ursprüngliche Idee, die lange Arnsberger Ruhrschleife für ein weiteres Treffen zu nutzen, klappt leider nicht, da ich zwar mit Radbegleitung die gut 6 km lange Schleife absolviere, sie aber den laut Plan existierenden Bus über oder durch den Berg nicht finden können. Dafür gibt es wenig später eine Begegnung mit Läufern, die hier an einem 24-Stunden-Lauf teilnehmen und 18 Uhr starten. Jetzt haben sie noch eine knappe Stunde Zeit und wir wünschen uns gegenseitig viel Erfolg. Noch ein paar weitere Kilometer und die nächsten Starter für 18 Uhr erwarten uns. Dieses Mal sind es die Hundertmeiler der TorTour, die vor dem nächsten VP bei 154 Restkilometern auf ihr Briefing warten (sie starten mit einer 7km-Runde, um auf die passende Länge zu kommen). Was für ein Genuss, durch ein Spalier voller Anerkennung in die dortige Halle laufen zu dürfen! Nach kurzer Erholungspause im Sitzen geht es zurück nach draußen, diesmal schleiche ich aber leise durchs gerade stattfindende Briefing. Knapp zwei Stunden später fängt dann das große Überholen an. Das viel höhere Tempo vor allem der ersten LäuferInnen stört nicht, dafür tut die fast immer vorhandene gegenseitige Aufmunterung sehr gut. Mehrmals wird es sogar eine persönliche Begrüßung wie bei Georg und Norbert; wir liefen vor einigen Wochen gemeinsam beim Bayernlauf.

Der Streckenabschnitt hinter dem VP154 ist fett auf der Karte markiert: Ich habe viel Respekt vor dieser vermutlich starken mentalen Herausforderung, sind doch vom Papier her ein gutes Dutzend Kilometer unmittelbar neben der Autobahn zu absolvieren. Das erweist sich zum Glück als kleiner Irrtum, denn zwischen Autobahn und Radweg sind nicht nur 20-30 m Abstand, sondern auch ein paar Höhenmeter bei dichtem Baumbewuchs. Auf der anderen Seite fließt in ähnlichem Abstand die Ruhr. Die Autos sind hörbar, aber Schatten und nicht mehr so heftige Hitze machen das Laufen gerade eher angenehm. Es folgt ein längeres Stück durch Ruhrauen, bevor es wieder durch Ortschaften geht. Hier habe ich mir noch einen Treff gewünscht, da ich diesen Abschnitt im Vorfeld als besonders kritisch vermutet habe. Nach meiner persönlichen Erinnerung bin ich hier noch ganz gut drauf dank des Wissens, den Tag geschafft und die temperaturmäßig angenehmere Nacht vor mir zu haben. Meine Frau wird mir später sagen, dass sie sich hier ob meines total fertigen Anblicks erschrocken hat und am Gelingen des Laufs zweifelte.

Auf dem Weg nach Fröndenberg laufen wir wohl auf der Trainingsstrecke von Erik Zabel aus dem nahen Unna, davon und vom Radsportmuseum berichtet der RTRW-Reiseführer. Es wird dunkler, nach rund 100 km werden die Stirnlampen herausgeholt und bald darauf eingeschaltet. Die saisonal nur beschränkt mögliche Abkürzung des Ruhrtal-Radwegs über den Pferdehof bei Schwerte ist aktuell mit einem Bauzaun für normale Radtouristen gesperrt, aber wir dürfen und müssen hier entlang, denn unser nächstes Ziel ist VP115 bei Streckenhälfte – direkt im Pferdestall. In diesem Bereich gilt es, besonders leise und rücksichtsvoll zu sein und die Nachtruhe der Tiere nicht zu stören. Mittlerweile ist Mitternacht vorbei und David verabschiedet sich zu Zeltbau und Nachtruhe, ich laufe nach ein einigen Minuten im Sitzen weiter, abwechselnd begleitet von meiner Studienfreundin und ihrem Mann. Nach meiner Erinnerung (siehe oben zum Thema Vertrauenswürdigkeit ebenjener) ist es ein angenehmes Laufen mit relativ kurzen Gehabschnitten. Die Temperatur sinkt auf etwa 20 Grad oder knapp darunter, was eine erhebliche Erleichterung gegenüber der brütenden Hitze am Tag darstellt, aber immer noch die gleiche Sommerbekleidung und regelmäßige Kühlung bedeutet. Wir laufen am ersten der langen Seen entlang, die durch Aufstauen der Ruhr entstanden (Hengsteysee). Da wir auch kaum auf Ortschaften treffen, fühlt es sich teils an wie in den Seenlandschaften von MV. Nach gut 130 km erreichen wir VP96 und damit den Startpunkt der „Bambini“, wie die 100km-LäuferInnen hier liebevoll genannt werden. Die „Touristen“ unter ihnen sind bereits um Mitternacht aufgebrochen, die „Coureurs“ (Wettkämpfer bzw. „Raser“) starten um fünf Uhr, manche sind bereits vor Ort. Eigentlich haben beide Gruppen ihren Zielschluss mit 20 Uhr bereits eine Stunde vor uns, aufgrund der äußeren Bedingungen wird das aber zum Glück nicht so eng gesehen und am Rheinorange bis kurz nach 21 Uhr gewertet (dann müssen die Organisatoren los zur Siegerehrung; wer später finisht, kommt nicht in die Wertung, erhält aber Urkunde und Medaille bei Fotobeweis von Ziel und Track). Noch sind wir aber längst nicht so weit; nach einer Suppe und einem Teller voll Nudeln (es gab auch Kartoffelpüree und weitere warme Leckereien) lege ich Arme und Kopf auf den Tisch und schließe die Augen. In der folgenden Viertelstunde kann ich zwar nicht schlafen, aber den Körper noch weiter herunterfahren und so eine sehr erholsame Pause einlegen. Diese Erfahrung diverser Läufe über Nacht zeigt, dass mir so eine kurze Ruhe wirklich weiterhilft. Vor Aufbruch werden Jacke, lange Hose, Mütze und Buff übergezogen, um den Schüttelfrost zu verhindern, der bei mir schnell auftreten kann, wenn der erschöpfte Körper sich dem Ruhepuls zu weit angenähert hat und es von der Wärme der Innenräume nach draußen geht. Heute ist die Gefahr aber gering und so schnell gebannt, dass nach einem Kilometer wieder alles ausgezogen werden kann.

Nachtabschnitte in der Dunkelheit und vor der morgendlichen Dämmerung sind für mich faszinierend: Einerseits wird es die oft als schwierigste Phase empfunden, wenn Erschöpfung und Müdigkeit auf Dunkelheit und wenig äußere Einflüsse treffen. Andererseits sind diese Ruhe und der Kampf mit dem eigenen Körper und Geist auch eine Herausforderung. Mal von Schlafen abgesehen, haben wir ja nichts Besseres zu tun als durch die Nacht zu schleichen. Einfach die Zeit nutzen und Kilometer abspulen, nichts sonst tun müssen und stundenlang dem eigenen Hobby frönen. Vielleicht spielt auch das Abenteuer „Nachtwanderung“ in Ferienlagern der Kindheit eine Rolle. Ganz bestimmt aber das Wissen, wie schön und erfrischend der Sonnenaufgang sein wird.

Ein heißer Sonntag

Am Morgen wird schnell klar, dass „Erfrischung“ heute nicht der passendste Ausdruck ist, zumindest wenn es nicht um eigene Wünsche rund um die Verpflegung und Abkühlung geht. Bereits vor 7 Uhr fließt der Schweiß erneut – und es ist noch mit deutlich höherer Temperatur zu rechnen. Wind scheint es praktisch nicht geben, zumindest ist er kein spürbarer Faktor. Die Strecke ist nach wie vor touristisch interessant und schön mit Stauseen, Brücken, Wald, aber auch Industriedenkmälern. Bei der Zeche Nachtigall ist Aufmerksamkeit gefragt, denn wir müssen kurz darauf nach rechts abbiegen, um über eine Brücke die Umgehung der Hardenberger Fähre zu nehmen, die nachts und am frühen Sonntagmorgen noch nicht fährt. David kommt mit dem Fahrrad auf dem Radweg hinterher, nachdem das Zelt wieder abgeholt wurde. Er kann dann schon die Fähre nehmen, denn es braucht einige Stunden, um den nächtlichen und morgendlichen Fortschritt aufzuholen. Die Brücke vor dem Zollhaus Herbede habe ich so oft in Videos gesehen, dass ich sie beim Darüberlaufen gleich erkenne und weiß, dass es direkt dahinter rechts den VP76 gibt. Trotzdem Danke lieber Helfer, dass Du uns das immer und immer wieder sagst! Mein Appetit ist so gering, dass Nahrungsaufnahme immer mehr zur Pflicht wird und selbst die große Buffetauswahl recht mäkelnde Blicke meinerseits erntet. Sorry, Leute – es liegt nicht an Euch oder Eurem Angebot!

Kurz darauf gerate ich ins Grübeln: Wie kann es sein, dass km 160 kurz nach acht Uhr passiert wird? Einige Minuten später ist immer noch kein Fehler gefunden und tatsächlich, die ersten 100 Meilen sind nach 24:13 h absolviert! Das ist ungefähr eine Stunde länger als beim Mauerweglauf 2024 in Berlin. Wenn ich an den Aufwand denke, den ich für damals diesen Buckle treiben musste, ist es erstaunlich, wie nah an den 24 Stunden wir gerade sind trotz des heißen Wetters und der noch anstehenden Restaufgabe.
Spätere Überprüfung ergibt, dass meine beiden Orientierungspläne ganz schön optimistisch sind. Sie nehmen ein gleichmäßig abnehmendes Tempo an und zielen auf das offizielle Zeitlimit, entweder von 7:00 min/km abnehmend auf 12:00 min/km (100 Meilen nach 23.5 h) oder etwas moderater von 7:30 auf 11:00 min/km (24.0 h). Vielleicht ist es ganz gut, dass nach dem ersten Viertel kein Abgleich zu meinem Marschplan mehr stattfindet.

David fährt mit der Hardenberger Fähre

Beim VP „Bochum“ der Rudergesellschaft Linden-Dahlhausen 55 km gibt es eine ausgeschilderte Pendelstrecke zum und vom Vereinshaus. Der gedankliche Abgleich mit dem vorab oft betrachteten Kartenmaterial gelingt erst einige Kilometer später. Dafür macht sich nun, gegen halb elf, so langsam die Erkenntnis breit, wie machbar doch „eigentlich“ die Reststrecke sein müsste. Das erforderliche Durchschnittstempo bewegt sich inzwischen auf 5 km/h zu, soweit reicht das durch höheres Anfangstempo erarbeitete Polster. Wilde Rechenversuche treffen auf einen unfähigen Geist, doch eindeutig ist, dass je länger ich es noch schaffe, mein Tempo unter 10 min/km zu drücken, desto früher diese Tempomarke von 5 km/h erreicht wird. Warum das eine Bedeutung hat? Gute Frage, auf die ich zum Glück nicht komme, denn eigentlich ist auch diese Schwelle nur symbolisch. Vielleicht geht es nur um das gute Gefühl eines quantifizierbaren Fortschritts, vielleicht ist es die Einbildung, das wäre ein noch machbares Gehtempo (wäre es wohl nicht mehr). Mir ist zwar bewusst, dass gut 50 km noch eine lange Strecke sind und gerade bei der Hitze noch viel passieren kann, aber meine Hauptsorge gilt inzwischen weniger dem Erreichen des Rheinoranges als dem Zeitpunkt. Vielleicht nicht in meiner aktuellen Kommunikation mit der Crew, aber zumindest in der späteren Erinnerung ist inzwischen ein mögliches Scheitern weitgehend ausgeblendet.

Der vorletzte VP trägt den wunderschönen Namen „Nur noch Marathon“. Ein lockeres Anlaufen sieht anders aus als im Video, bis zur Reisegeschwindigkeit dauert es nun manchmal etwas länger!

Der nächste VP42 hat einen doppelt schönen Namen: „Kupferdreh“ mit dem Eisenbahnviadukt bzw. „Nur noch Marathon“. Hier im Schatten zu sitzen ist ein so schönes Vergnügen, dass es etwas länger betrieben wird. Inzwischen ist auch David angekommen und wechselt gleich in die Radbegleitung hinein. Er wird an diesem Wochenende fast 300 km im Sattel verbringen! Auf dem nächsten Abschnitt holen wir dank Musikbox auch endlich „4630“ nach, hören also Grönemeyers legendäres Album voller Hits wie „Bochum“, von dem ich mir seit Jahre ausgemalt habe, es in ebenjenem Ort zu hören. Entlang des Baldeney-Sees haben wir noch einige schattige Abschnitte, dann folgt erneut viel Sonne.

Die Mintarder Ruhrtalbrücke über die A52 sehen wir schon von weitem, doch die Strecke hinter Kettwig, die abseits der Ruhr über drei Kilometer nach Mintard führt, zieht sich sehr lang dahin. Im Ort sehen wir die Schilder, die Crews vor Sackgasse und Parkverbot warnen, und erreichen endlich den VP unter der Brücke: Offiziell sind es noch 23.6 km, das ist nicht viel mehr als ein Halbmarathon. Beim Aufbruch erhalte ich den Hinweis, dass es hier „geradeaus“ geht, und lauf voller Begeisterung durch den schattigen und angenehm kühlen Wald am unteren Teil des Talhangs, wie auch weitere Läufer in meiner Nähe. David kommt nach, biegt aber dem Radweg folgend auf die Wiesen ab und kann mich nicht finden. Nur gut, dass es Telefone gibt! Wie sich herausstellt, müssen wir keinen wesentlichen Umweg nehmen, um wieder „auf den Track“ zu gelangen. Etwas Aufregung, aber kein Zeitverlust, dafür etwas angenehmerer Weg.

In Mühlheim will ich mehrfach schon über die Brücke laufen, wir bleiben aber zunächst auf dem linksseitigen Ufer und passieren den Park des Schlosses Broich. So schattig hatte ich mir den nicht erträumt und dann gibt es sogar einen großen Wasserspielplatz! Die dort spielenden Kinder beneide ich sehr und überlege, wie ich mir Kühlung verschaffen kann, ohne deplatziert zu wirken so als komischer alter Kauz in stinkigen Sportklamotten. Oh, da ist ein fast freier Wasserstrahl – nichts wie drunter und das erfrischende Nass genießen! Das machen weitere LäuferInnen um mich herum. Zwei Kilometer weiter queren wir dann die Ruhr und an der Brücke gibt es ein paar Eiswürfel von einem Begleiter, der noch auf seinen Läufer wartet und mich heute schon zum wiederholten Mal damit beglückt. Ah, das tut gut! Ein Stück in den Mund, den Rest direkt auf den Kopf unters Basecap. Beides ist eigentlich viel zu kalt, aber die mögliche lokale Unterkühlung wird ignoriert. Kurz darauf steht meine Crew am leichten Anstieg zum Wasserturm in Styrup. Diese Begegnung tut mir sehr gut, aber sie bleibt leider recht kurz, denn das Zeitpolster auf den Cutoff scheint noch immer recht knapp, zumindest nach meiner Schätzung. Erstaunlich, dass es hier am Stadtrand zwischen Mühlheim und Oberhausen zwar ein Wassermuseum, aber keinen Trinkbrunnen gibt.

Dafür gibt es eine Autobahn, neben der wir auf dem Fuß+Radweg in der prallen Spätnachmittagssonne laufen dürfen. Es ist eine echter Härtetest, der sich gefühlt über einige Kilometer dahinzieht; tatsächlich ist es nur ein Kilometer an der A40. Es folgen längere, ebenfalls sonnige Abschnitte entlang weitläufiger Ruhrauen, auf Deichen, unter Autobahnen und über eine Straßenbrücke nach Duisburg.

Am Innenhafen weisen anliegende Boote bereits auf zunehmende Schiffbarkeit hin. Weniger als eine Handvoll Kilometer bleibt und noch immer kann ich weitgehend laufen, werde immer motivierter ob des nahen Ziels und der abnehmenden Hitze. Plötzlich überrollt uns eine Gruppe von mehreren LäuferInnen mit Begleitung, die mit unglaublichem Tempo vorbei ziehen (mit dem Ziel, bis 20 Uhr anzukommen?). Ich freue mich, dass sie das noch können, denn wir kennen einander, sind uns mehrfach begegnet und waren in unterschiedlichen Konstellationen zusammen unterwegs. Doch ihr Tempo könnte ich jetzt nicht mehr leisten. Muss aber auch nicht sein, denn nun steht mit jedem Schritt immer klarer fest: Es wird klappen, wir schaffen das! Das Gewerbegebiet, indem man irgendwo parken und dann zu Fuß weiter gehen muss, sieht so öde aus wie erwartet. Endlich, endlich stammen die Kommentare, dass es „nicht mehr weit“ sei, nicht von Zuschauern, sondern von Finishern und deren Begleitern auf dem Heimweg! Plötzlich ist da wieder ein Deich mit Fluss dahinter und in der Ferne, ist das etwa …? Tatsächlich, das Ding ist eindeutig orange, keine Fata Morgana durch die Abendsonne! Alles kommt auf einmal, obwohl noch so viel Strecke übrig ist, um die Krone zu richten und zu lächeln: Immer mehr Finisher mit ihren Crews -wir beglückwünschen uns nun gegenseitig- das bereits von Fotos und Videos bekannte Schild „Heulkrampf bitte“, die Planung unseres Zieleinlaufs. Mein Wunsch ist es, dass zumindest meine beiden Radbegleiter der letzten Stunden die letzten Meter mit mir laufen. Eigentlich ganz einfach und im Ansatz auch schon besprochen, wird es nun hektisch, denn sie müssen ja vor fahren und ihre Räder abstellen. David hat Geld und Dokumente in seiner Lenkerstange und möchte diese lieber nicht einige hundert Meter entfernt allein lassen. So dauert es ein wenig und er kann durch das Zusatzgepäck kaum laufen, während für mich ein kurzer Zielsprint vollkommen okay wäre, denn die wenigen Sekunden Wartezeit reichen für eine Mini-Erholung, den Rest macht das Endorphin. Wir verlassen den Deich nach unten und laufen zur großen Meute am Rheinorange, wo die Finisher der letzten Stunde und ihre Crews sich gegenseitig feiern und nun auch uns.

Am Rheinorange angekommen, habe ich zunächst das merkwürdige Bedürfnis, erst einmal zum Fluss zu schauen, gehe ihm ein paar Schritte entgegen und bedanke mich dann bei der Ruhr für die Motivation, Führung, und Wegbegleitung. Das mag albern und pathetisch sein, scheint mir aber wichtig. Dann wird dieser formvollendete Hohlquader endlich angefasst, beklopft und umarmt – soweit es bei 7 Metern Breite möglich ist. Schließlich gibt es die Medaille aus den Händen von Jens Witzel himself und natürlich dazu Fotos in allen möglichen Posen und mit meinen beiden Crewmitgliedern. Nach ein paar Minuten brechen wir sicherheitshalber auf, denn ich kenne mich und die Gefahr des Schüttelfrosts, den ich hier lieber nicht erleben möchte. Unser Rückweg zum Auto ist fast zwei Kilometer lang, da sollten wir nichts riskieren. Nun sind wir es, die die ankommenden Läufer begrüßen und beglückwünschen. Wir kennen uns zumeist dank gemeinsam verbrachter Laufabschnitte. Den Rest unserer Crew treffen noch auf dem Deich. Am Auto angekommen, ist mir heftig übel und ich muss um eine kurze Wartezeit bitten, doch der Mageninhalt bleibt glücklicherweise dort, wo er ist. Der nächste Glückmoment folgt, denn Dorothee kommt vorbei! Sie sieht zwar nicht mehr ganz so frischfröhlich aus wie gewohnt, doch auch sie wird gleich finishen und das ebenfalls weit vor 21 Uhr. Alles andere ist jetzt egal und morgen sowieso rosarot.

Im Hotel werde ich überzeugt, den Fahrstuhl statt der Treppe zu nehmen, bin froh, als ich die warme und unheimlich wohltuende Dusche ohne Zwischenfälle hinter mich gebracht habe – und lege mich erst einmal ins Bett. Zur Siegerehrung zu gehen, das traue ich mir nicht zu aus Angst vor Schüttelfrost oder Kreislaufproblemen. Zum vielleicht letzten Mal darf ich auch hier an meine Crew delegieren. Es ist fast schon Mitternacht, als sie mit Urkunde und Gürtelschnalle wiederkehren.
Beim Frühstück und am Bahnhof treffen wir erneut auf TorTour-Läufer. Man erkennt sich an mehr oder weniger geheimen Zeichen, in diesem Fall Pinguingang, Augenringe, debiles Grinsen und schwarzes TTdR-Shört. Mir geht es gut. Ich darf schon allein die Treppe herauf und herab gehen. Und schaffe das sogar auf zwei Beinen, vorwärts. Hurra!

Aktuelle Pace pro km und gemitteltes Lauftempo: Nach relativ schnellem Beginn nahm die KM-Zeit erwartungsgemäß mit der Streckenlänge zu, blieb dann ab etwa 100 km relativ stabil.
(Ursprünglicher Plan: Starttempo um 7:00 min, stetig langsamer werdend in 37 Stunden zu finishen, was ein finales Tempo von 12 min/km ergäbe.)

Fazit

Die lange und intensive Vorbereitung hat sich gelohnt! Das Wissen, die Streckenlänge grundsätzlich meistern zu können, hat mir sehr geholfen – danke, Heidi222! Es war hauptsächlich eine Frage der (Cutoff-)Zeit und der äußeren Umstände. Letztere waren mit der Hitze über beide Tage zumindest so herausfordernd, dass uns nichts geschenkt wurde. Schlimmer geht zwar immer, aber auch so genügte es mir für ein stolzes Gefühl, (mir und überhaupt) echt was geleistet zu haben.

Obwohl es erst mein zweiter Lauf deutlich über hundert Meilen hinaus war: Die Länge gefällt mir. Anderthalb Tage kann ich (im körperlich ausreichend trainierten Zustand). Was darüber hinaus geht, werde ich vielleicht auch mal erkunden, nicht nur in Etappenläufen, die ja dank der nächtlichen Erholung ein ganz andere Laufdisziplin bilden. Die „zweite Nacht“ ist berühmt-berüchtigt für eine unbekannte Dimension des Leidens. Die Neugierde ist geweckt…

Der Ruhrtalradweg ist sehr empfehlenswert! Weitgehend ist es eine Rollerstrecke ohne herausfordernde Höhenmeter, ähnlich wie viele andere Fluss-Radwege, erstaunlicherweise nicht nur relativ flussnah, sondern auch sehr abwechslungsreich und mit einem relativ geringen Anteil direkt neben Schnellstraßen, was anderswo zuweilen sehr anstrengend werden kann. Für die unmittelbare Nähe von Großstädten und Industriezentren findet sich unglaublich viel grüne Natur, Wald, Stauseen, Badestellen, aber auch Trinkbrunnen, Cafés, Einkaufsmöglichkeiten und Museen.

Ohne Crew hätte ich es definitiv nicht geschafft! Dazu waren insbesondere das Zeitlimit zu hart und die Temperaturen zu hoch. Mädels und Jungs, Ihr wart Spitze und ich bin Euch ungemein dankbar! Es heißt „Deine Crew bringt Dich durch!“ und das hat selbige perfekt umgesetzt und geschafft.

In den letzten Jahren durfte ich einige Läufe kennenlernen mit einer Bandbreite an Komfort: Markiert und manchmal gar abgesperrt gegenüber Orientierung an Wanderschildern oder auch nur mit GPX-Tracks, viele kleine Runden vs. einer großen oder von A nach B, mit sehr vielen, großzügig ausgestatteten VPs vs. Auffüllstationen alle 20-33 km. All das hat seine Berechtigung und Gründe in der Zahl der Helfer, der Größe des Teilnehmerfelds und schlägt sich normalerweise auch im Startgeld wieder. Die TorTour war insofern Neuland, weil neben den relativ wenigen offiziellen VPs praktisch ein permanenter mobiler VP verfügbar war. Von der (Strecken-)Information, Unterhaltung und Motivation mal abgesehen.

Würde ich das noch einmal machen? Schwierig. Große Lust hätte ich schon, aber so viel Zeit von Anderen zu beanspruchen, hinterlässt immer etwas schlechtes Gewissen oder zumindest zwiegespaltene Gefühle. Klar, bei jeder (Sport-)Veranstaltung gibt es Organisatoren und Helfer, ohne deren meist freiwilligen und unbezahlten Dienst es nicht ginge. Beim Mauerweglauf hatte ich drei mal eine Fahrradbegleitung, die ebenfalls freiwillig die Nacht opferte. Ein ganzes Pfingstwochenende und fünf Betreuer nur für mich ist aber schon noch einmal eine andere Dimension.

Die TorTour de Ruhr ist ganz offiziell Geschichte und wird, so haben es die Veranstalter „versprochen“, nicht noch einmal stattfinden, weder unter diesem Namen noch in diesem Format. Es wurde aber eine Überraschung angedeutet, die im nächsten Jahr verkündet werden soll. Mal schauen. Bei fast jedem Lauf gibt es ja jemanden, der von anderen, unbekannten Lauf-Abenteuern berichtet. So gibt es eine ähnliche Veranstaltung, nämlich den Salzach Ultra Run in Österreich, der von der Tortour inspiriert wurde. Es geht entlang der Salzach, ebenfalls von der Quelle bis zur Mündung, ähnlich lang, ähnliche Rahmenbedingungen mit Crewing. Das würde mich tatsächlich reizen, irgendwann mal…