Mein Mauerweglauf 2025 – stressfrei und schön

Im letzten Jahr war der Mauerweglauf mein Hauptwettkampf und das ganze Jahr darauf ausgelegt, unter 24 h zu finishen und mir einen Buckle zu verdienen. Das hat letztlich auch geklappt, aber mit enormem Aufwand. So lautete mein Fazit, dass ich mir diesen Stress (vorerst) nicht noch einmal antun wolle. Das bedeutet nicht, die 100 Meilen vom Speiseplan zu streichen, sondern eher beim nächsten Mal keinen erhöhten Anspruch an die Zeit zu stellen und mehr entspannt zu laufen. Dieser Punkt gelang.

2025 enthält einige Zweien und Fünfen und diese Ziffern spielten auch eine wichtige Rolle bei meinen Jahreszielen:

– Es sollte erstmals über 2xx km gehen. Dafür gab es zwei Chancen: Junut und Heidi.
Beim JUNUT hatte ich mich wie in den letzten beiden Jahren für die 170er Strecke angemeldet, bei der als letztmalig angekündigten Ausgabe aber insgeheim mit einem dort nach 170 km möglichen Upgrade auf die ganze Runde von 240 km geliebäugelt. Letztlich führten muskuläre Probleme am letzten Wochenende vor dem Lauf dazu, dass nicht klar war, ob ich überhaupt starten und mehr als einige Stunden würde laufen können. (Ziehen in der linken Wade; der Arzt hat drauf geschaut und abgetastet, konnte aber auch per Ultraschall nix finden. Beim Gehen merke ich es aber noch deutlich.) Es lief zwar sehr gut, doch sicherheitshalber beschloss ich bereits in Schmidtmühlen nach 138 km, dass es keinesfalls weiter als bis zum 170er Ziel in Kastl gehen soll. Das habe ich recht gut hinbekommen (33 h waren rund 3 h weniger als 2023).
Die zweite Chance und mein eigentliches Jahreszeil war die Heidi, genauer gesagt die Heidi 222 durch die Lüneburger Heide auf dem Heidschnuckenweg von Celle nach Hamburg zu Pfingsten. Es war ein hartes Stück Arbeit, doch ein lohnendes, denn nach 40 sehr regenreichen Stunden habe ich es geschafft!
– Die zweite Heidi war der von Thomas Steinicke organisierte Etappenlauf Heidi-Challenge. Nach der sommerlich heißen Frühjahrsedition 2024 war die 2.Ausgabe über 5 Tage die sommerlich heiße Sommeredition. Nun sind alle gespannt auf einen heißen Herbst 2026!

Nun aber zum Mauerweglauf! Wie letztes Jahr habe ich am Freitag bei den Vorbereitungen am Stadion mitgeholfen. Da das Eisstadion noch immer nicht genutzt werden konnte, ging es 2025 wieder in den traditionellen Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg. Das ist nicht so eng und „kuschelig“ wie letztes Jahr, aber die Abläufe waren klarer und so war der Aufbau früher erledigt. Leider waren die S-Bahn-Haltstellen Schönhauser Allee und südlich davon wegen Bauarbeiten nicht verfügbar und es musste Ersatzverkehr genutzt werden. Gerade in diesem Jahr übernachtete ich aber am Treptower Park (also südlich), was die eigentlich sehr kurze morgendliche Anreise deutlich verlängerte. Naja, so gab es eben mehr Zeit zum Essen und Umziehen unterwegs zum Stadion!

Beim Start hielt ich mich mich bewusst zurück und schaute im hinteren Bereich nach bekannten Gesichtern. David, der seine Mauerwegspremiere unter 24 h finishen wollte, liess ich gleich ziehen, denn dieses Tempo sollte ja mein Massstab nicht sein. Zum Glück traf ich Maksim, mit dem ich bereits Pfingsten über 100 km durch die Lüneburger Heide unterwegs war. Er wollte auch hier wieder sein Run+Walk-Programm durchziehen. So liefen wir stets einige Kilometer und marschierten dann einige Zeit – den genauen Rhythmus habe ich vergessen, aber es ist eher die Idee, die entscheidet, das Tempo und die Relation müssen individuell angepasst werden. Mir passte es hervorragend, auch wenn wir durch die Gehpausen sehr weit hinten im Feld lagen. So kamen wir in bester Unterhaltung durch die Innenstadt, entlang der East Side Gallery und durch Treptow/Kreuzberg bis an den endlos langen Bereich zwischen Autobahn und Teltowkanal. Maksim hatte ein paar Probleme und wollte erst einmal nur noch gehen. Darauf verabschiedeten wir uns voneinander und ich trabte langsam weiter. Maksim finishte übrigens dann noch in hervorragenden 25.5 h.

Nunmehr war ich etwas schneller als die Läufer in meiner Nähe und fand mich quasi auf der Überholspur wieder. Das machte ebenfalls viel Spass, denn ich traf so einige Bekannte und lernte noch mehr interessante Läufer kennen. So auch David, was mich zu diesem Zeitpunkt etwas besorgte, denn er wollte doch unter 24 h bleiben und ich sah das für mein aktuelles Tempo nicht als realistisch an. Später traf ich unter anderem die Vielläufer Thomas und Ilka bei ihrer entspannten Runde, die mir vom FDZU und der Heidi222 bekannte Xuehe, die am Ende ebenfalls locker finishte.

Nach einigen VPs bemerkte ich ein unangenehmes Hungergefühl: Zu wenig gegessen, immer nur ein paar kleine Happen, das reicht meinem verwöhnten Magen nicht! Bei Ninas Eltern (48 km) mampfte ich mich erst einmal kräftig durch das hier traditionell unglaublich reichhaltige Buffett, bis der Bauch so voll war, dass mir das weitere Laufen fast noch schwerer fiel als dem pflastersteinbeschwerten Wolf bei Rotkäppchen… Nach ein paar Kilometern war aber alles wieder gut. Puh!

Heute wartete in Teltow (61 km) noch keine Fahrradbegleitung auf mich. Franz hatte sich dafür angeboten, musste aber erst einmal wie eigentlich jeden Samstagmorgen mit seiner Laufgruppe arbeiten und würde deshalb erst später dazustoßen. Einen Dropbag hatte ich auch nicht hinterlegt und keine längere Pause geplant, denn noch war ja erst ein gutes Drittel der Strecke bewältigt. Die Königsallee zog sich dahin wie immer, bot aber auch guten Schatten gegen die Sonne und etwas Kühlung. Eigentlich habe ich keine unangenehmen Erinnerungen an die gesamten Abschnitte nach Potsdam und um den Jungfernsee bis nach Sacrow. Im Gegenteil, immer wieder fand sich nette Begleitung, oft auch bereits bekannte. Durch die abwechslungsreichen Gespräche merkte ich teilweise gar nicht, wo wir bereits waren und welche Bereiche wir schon hinter uns gelassen hatten. Irgendwann waren wir bei der Revierförsterei Krampnitz (86 km) angekommen und ich war überrascht, weil ich dachte, da fehlte noch der kurze steile Anstieg ein paar km davor. In Sacrow (92 km) lieferte ein Dropbag die Nachtausrüstung, im wesentlichen bestehend aus Warnweste, Stirnlampe, Windjacke.

Kurz hinter Sacrow sah ich einen Läufer an einer Bushaltestelle einen der Papierkörbe fotografieren. Okay, dachte ich, manchmal haben die Marketingleute der Berliner Stadtreinigung mehr oder weniger lustige Sprüche aufgeklebt wie „Eine von unseren 34267 Filialen“. Doch nichts davon war zu sehen, scheinbar nur ein ganz normaler oranger Behälter. Meine Neugier wurde gestillt: Es handelte sich um einen finnischen Läufer (Esa Nurkka), der berichtete, vor dem Abflug nach Deutschland noch eine Dose „Blue berry soup“ eingekauft und hier im Dropbag für den WP Sacrow deponiert zu haben. Diese hatte er gerade getrunken und wollte die leere Dose in den nächsten Abfallbehälter tun. Dabei bemerkte er eine weitere leere Dose exakt der selben, eigentlich recht lokalen finnischen Marke, die bereits in genau diesem Behälter lag! Mehr Slapstick geht kaum und er muss sich vorgekommen sein wie bei „Verstehen Sie Spaß?“. Die einzige halbwegs logische Erklärung wäre ein anderer Finne, der zufällig die gleiche Marke gekauft und ebenfalls in den Dropbag gepackt sowie während der ersten Kilometer nach dem WP geleert hätte. Er meinte dazu allerdings, dass er zuvor geschaut hätte und weniger als eine Handvoll Finnen überhaupt beim Mauerweglauf in der Startliste standen! Ich konnte dank Franz immerhin noch besteuern, dass auch Sari dabei sei und an der 100km-Wanderung teilnehmen würde, die morgens in Teltow gestartet war und damit schon in Sacrow durch war. Natürlich kannte er ebenfalls Sari!
Um es vorweg zu nehmen, die merkwürdige Geschichte ging noch etwas weiter. Im Ziel hörte ich irgendwann den Stadionsprecher feststellen, dass jetzt zwei Finnen direkt nacheinander gefinisht hätten. Später traf ich Esa noch einmal kurz und er berichtete mir, dass er zwar einer der beiden Finisher war, den anderen allerdings erst im Ziel, aber nicht auf der Strecke getroffen hätte. Sie hatten wohl zunächst einen großen Abstand, der sich bis zum Ziel auf wenige Minuten reduzierte, doch sie waren kein Stück des Wegs zusammen gelaufen! Nun blieb noch die Blaubeerfrage, und tatsächlich war der andere Läufer auch der Besitzer des fraglichen Leerguts. Manchmal stimmt es wohl tatsächlich, dass das Leben sehr merkwürdige Geschichten schreibt…

Wenige Kilometer nach Sacrow und seiner berühmten Bushaltestelle wartete Franz auf mich, als wir von der Straße Richtung Altglienicker See abbogen. Franz‘ Fahrradbegleitung war ein großer Gewinn, nicht nur weil ich ein paar Sachen wie Jacke und Trinkflasche in seinem Fahrradkorb lagern konnte, sondern vor allem als erfahrene Unterstützung und gute Unterhaltung. Bei Pagels und Friends (100 km) hab ich nicht lange pausiert, obwohl es wie immer sehr einladend war, dort eine längere Rast zu halten. Es ist wie „Nach-Hause-Kommen“, einfach eine unglaublich tolle Stimmung dort. Dank der neuen Unterstützung von Franz war auch die nachfolgende, herausfordernd lange Passage an der Bundesstraße halb so schlimm wie befürchtet. Dann folgte der VP an der Kleingartenanlage vor dem Hahnenberg in Spandau (105 km), an dem letztes Jahr mein Bruder seine Radbegleitung startete, sowie das längere Stück durch die Stadt. Hier stieß Jan zu uns, der uns laufend begleiten wollte. Das war Neuland für mich, denn bisher kannte ich nur eine Fahrradbegleitung und war einigermaßen daran gewöhnt, dem Radfahrer mein eigenes Tempo zu diktieren bzw. mich nicht von ein paar schnelleren oder langsameren Metern beeinflussen zu lassen. Die Begleitung durch einen noch frischen Läufer nach bereits hundert zurückgelegten Kilometern stellte sich als deutlich schwieriger heraus als zuvor erwartet. Natürlich habe ich sehr davon profitiert und wir hatten eine wunderbare Zeit. Ein wenig Lehrgeld zollte ich anfangs aber doch, bis wir alle uns aneinander und an die ständige leichte Variation unserer Abstände gewöhnt hatten. Man kennt das von gemeinsamen (Trainings-)Läufen, wenn einer stets ein paar Zentimeter weiter vor oder hinter den anderen läuft. Man darf nicht genauso sein, sonst gerät es leicht zum Wettbewerb um das schnellste (oder langsamste) Tempo und das eigentliche Laufziel gerät aus dem Fokus.

Mit Jan und Franz fühlte ich mich eigentlich wunderbar und rundum betreut, doch hinter Spandau bekam ich doch einige Probleme mit der Strecke selbst. Wegen eines Frühjahrssturms 2025 konnte der Spandauer (Nordwestberliner) Forst bereits beim Mondscheinmarathon von Franz und bei der letzten Etappe des Heidi-Etappenlaufs nicht genutzt werden und auch beim Mauerwegslauf waren einige Wege noch immer gesperrt, so dass es rund um den Eiskeller eine größere Umleitung gab. Die führte nicht nur durch mir unbekanntes Terrain, sondern auch entlang einer längeren Bahnstrecke und an einer Landstraße zum VP Schönwalde (120 km). Hier war eine unangenehme Pendelstrecke mit schmalem Fußweg bei doch recht starkem Straßenverkehr. Gerade bei Begegnungen mit entgegen kommenden Läufer(gruppe)n oder Ästen auf dem Weg wäre eigentlich ein Ausweichen auf die Straße indiziert gewesen, doch mit der Begleitung und bei der mittlerweile müdigkeitsbedingt verringerten Aufmerksamkeit sowie dem Verkehr war das keine sonderlich gute Wahl. Ich war sehr froh, als dieser Abschnitt endlich geschafft war und wir irgendwann den Grenzturm Nieder Neuendorf erreicht hatten (125 km). Der nachfolgende Bereich nach Hennigsdorf mit seinem Waggonbauwerk ist mir dank Mauerweg und Heidi mittlerweile sehr wohl bekannt, auch wenn er sich zu diesem Zeitpunkt des Laufs etwas kaugummiartig dahin zog. Beim Ruderclub Oberhavel (130 km) machte ich dann die erste und einzige längere Pause, aß und trank, übernahm mein nächstes Dropbag mit ein paar zusätzlichen Riegeln und wärmenden Sachen – und ruhte mich einige Minuten aus. Wie lang das wirklich war, kann ich nicht mehr sagen, aber nach dem bisher langsamsten Abschnitt zwischen Schönwalde und Nieder Neuendorf mit 9:30 min/km war der Teil nach Hennigsdorf mit offiziell etwas über 10 min/km noch langsamer und das hat wohl eher mit der Pause als mit dem Lauftempo selbst zu tun. Für den Rest des Laufs lagen die aktuellen Geschwindkeiten dannn wieder um die 9 min/km (inkl. Pausen). Das wiederum hatte auch mit einer langsam veränderten Zielstellung zu tun. Nachdem doch recht gemächlichen Start und einem relativ entspannten Mittelteil hatte sich bereits seit dem Beginn von Franz‘ Begleitung am Horizont ein mögliches Finish unter 24 h abgezeichnet. Zunächst konnten wir das sehr gut ignorieren, denn das war ja einerseits kein irgendwie geplantes Ziel und andererseits noch so weit, dass nachlassende Kräfte schnell mal eine halbe Stunde kosten könnten. Doch als im Berliner Norden die letzten 30 km und dann Halbmararathon erreicht waren, wurde es akut: Wollen wir weiterhin entspannt und ohne uns auf mögliche Endzeiten auszurichten laufen und pausieren, dabei „riskierend“, dass es im Ziel vielleicht knapp über 24 Stunden sein werden? Oder wollen wir über die wenigen verbleibenden Stunden hinweg ständig darauf achten, dass kontinuierlich weiter gelaufen wird und Gehabschnitte und VP-Pausen nicht zu lang werden, dabei Stress, tiefere Erschöpfung und vielleicht Frust über ein Ende der Kräfte riskierend?

So lange ich mich noch gut fühlte, versuchte ich zu traben, wann immer es ging. Die wenigen kurzen Anstiege und die VPs wurden für Gehpausen genutzt, die sich glücklicherweise ganz gut begrenzen liessen. Eigentlich brauchte ich an den VPs nicht wirklich anzuhalten, denn Franz und Jan versorgten mich perfekt, stets war noch eine Banane und etwas Getränk im Korb verfügbar. Überraschend für mich war eher die lichttechnische Versorgung, hatte Jans Lampe doch erheblich mehr Lichtstärke als meine in der Standardeinstellung. Obwohl ich bisher immer der Meinung war, dass gerade auf dem Mauerweg sehr wenig eigene Beleuchtung notwendig ist, stellte sich heraus, dass eine gute Streckenausleuchtung durchaus positive Auswirkungen auf Stimmung und Laufvermögen haben kann. Spätestens als ich in Lübars auf dem asphaltierten Weg an einer der vielen, durch Baumwurzeln verursachten, Bodenwellen so stark ins Straucheln kam, dass ich mich mit Mühe nach über zehn Metern wieder halbwegs auffing und verschreckt so langsam wieder in eine normale Laufbewegung kam, war ich über etwas mehr Beleuchtung recht froh (~147 km). Andere hatten es deutlich schwerer. Alina, mit der wir dort zusammen liefen, fiel ihre Lampe aus. Sie hatte wohl die Lebensdauer der Batterie überschätzt und fürchtete nun weniger die restliche Dunkelheit selbst als vielmehr eine offizielle Kontrolle, da ja Eigenbeleuchtung vorgeschrieben ist. Zum Glück konnte Jan hier als „Ritter in leuchtender Gestalt“ einspringen und sie begleiten. David blieb ebenfalls an so einer Bodenwelle hängen und stürzte. Er lief mit blutigem Knie ins Ziel, war aber wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt schon längst im Tunnel der Läuferfokussierung, denn seit dem letzten Wechselpunkt in Hennigsdorf wurde er von seiner Frau auf dem Fahrrad begleitet und lief schneller und immer schneller. Den letzten Halbmarathon absolvierte er sogar in 7er Zeiten (7:xx min/km). Er hatte sich seine Kräfte offensichtlich mal wieder hervorragend eingeteilt und war nun supermotiviert, ob dank Frau oder dank Aussicht auf das Finish unter 24 h? Schwer zu sagen, am Ende „fehlte“ nur ein kurzes Stück, ein zusätzlicher VP vielleicht, und wir hätten zusammen finishen können, zumindest wenn ich nicht hätte in seinem Tempo laufen müssen, denn das ging bei mir nicht mehr. Ich war auch so zufrieden, denn letztlich hatte sich die Mühe am Ende gelohnt und der Buckle war uns beiden sicher.

Mittlere Geschwindigkeit über gesamten Lauf und aktuelles Tempo zwischen den jeweiligen VPs (ohne Abzug der Pausen) beim Mauerweglauf 2025 für David und mich.

Im Ziel wurden wir unter anderem von Sascha von der LG Mauerweg begrüßt. Er war bereits in Volonteersdiensten und sah schon wieder so erholt aus, als wäre er an diesem Tag gar nicht gelaufen. Das stimmte natürlich auch, denn sein Zieleinlauf als Achter war am Samstagabend gegen zehn, mit einer Zeit unter 16 h. Der Sieger, Pascal Rüeger, lief sogar noch fast dreieinhalb Stunden schneller und stellte in 12:37:14 h einen neuen Streckenrekord auf, und das mit Ansage! Vor dem Lauf hatte er sich bei den Organisatoren bereits zu den VP-Öffnungszeiten erkundigt – verbunden mit der Frage, was passieren würde, wenn er schneller wäre. Wenn ich es korrekt verstanden habe, gibt es solche Nachfragen wohl schon so ab und zu, doch das jemand das dann auch läuferisch umsetzet, passiert halt eher nicht.

Die Mehrheit der Finisher schaffte die 100 Meilen unter 24 h.

Nach dem Zieleinlauf ging es mir recht gut. Das Finisher-Shirt gab es direkt nach dem Einlauf, Dropbags und Suppe noch auf der Bahn, die Umkleiden mit Duschen waren hervorragend. Als ich mich noch einmal auf die Bänke am Ziel setzte und etwas aß und trank, hörte ich noch jemand von den schnellen Hirschen mit Sascha reden, wobei das Wort Rostock vorkam. Es stellte sich heraus, dass derjenige nicht nur aus Rostock kam und auch dort Anfang August den Abendmarathon gelaufen war, bei dem auch Sascha dabei war (und als Gesamtvierter finishte), sondern dass es genau der Louis war, mit dem ich dort auf den letzten Kilometern zusammen gelaufen war. Small world! Kurz danach traf ich dann übrigens die beiden Finnen wieder…

Was könnte als Fazit bleiben?
Auf jeden Fall macht es mir unglaublich viel Spaß, entspannt zu laufen, ohne auf mögliche Endzeiten zu achten. Insbesondere aufgrund des sehr moderaten Anfangstempos war es der bisher gleichmäßigste der drei Hundertmeiler in Berlin, wie auch die beigefügte Darstellung belegen soll. Diesen Lauf würde ich mir gern zur Blaupause für zukünftige Läufe machen – weniger die konkrete Geschwindigkeit als das wunderbare Gefühl, immer noch ein bisschen Reserve zu haben, am Ende aber auch nicht komplett unter den eigenen Möglichkeiten geblieben zu sein. Es muss nicht immer Kaviar sein, man kann auch mit Champagner glücklich sein. Oder so ähnlich, denn Kaviar war bisher nur einmal so richtig gut, nämlich zusammen mit Blinis auf der Datscha bei unseren Tomsker Freunden, und ohne Alkohol kann ich nunmehr schon seit zwei Jahren sehr gut leben.
Der Mauerweglauf ist und bleibt für mich einer der schönsten Ultras in Deutschland, bei dem dabei zu sein ich auch in den nächsten Jahren stets versuchen möchte, egal ob als Einzel- oder vielleicht auch mal Staffelläufer oder als Helfer. Die tollen Organisatoren sind es unbedingt wert, unterstützt zu werden! Ähnlich dem Rennsteiglauf und dem FDZU werden die 100 Meilen von Berlin immer mehr zu meiner läuferischen Heimat.

100 Meilen zum Jahresziel – Mein Mauerweglauf 2024

Saisonziel 2024

Nun war er endlich da, der Saisonhöhepunkt 2024 mit meinem großen Jahresziel: 100 Meilen innerhalb von 24 Stunden zu finishen und mir einen „Buckle“ zu verdienen, wie für viele Ultraläufer auch für mich ein großer Meilenstein des persönlichen Erfolgs und Fortschritts. Dafür hatte ich ohne Winterpause und in einem Umfang trainiert wie noch nie zuvor, noch deutlich mehr als vor dem ersten Versuch 2021. Damals bekam ich Probleme mit den sommerlichen Bedingungen insbesondere ab Streckenhälfte und konnte das geplante Tempo nicht mehr schaffen. Nach WP3 in Hennigsdorf ging ich längere Strecken, lernte dabei auch Franz kennen und finishte nach knapp 25 h. Dieses Mal sollte das alles etwas besser klappen.

Vorbereitungsläufe

In der diesjährigen Vorbereitung sorgten die Brocken-Challenge (80 km) und der Kristall-Marathon im Februar, der abgebrochene Junut (bis 138 km), der Heidi-Etappenlauf (5x 60 km), der Rennsteiglauf (74 km), der FDZU (115 km) und der Thüringen-Ultra (100 km) für viel Wettkampfgewöhnung und Trainingsmotivation mit recht vielfältigen Anreizen. Insbesondere der Etappenlauf bei teils sehr warmem Wetter und mit diversen Passagen des Mauerwegs diente als mir sowohl als Formtest als auch als intensives Mehrtagestraining und war von der Strecke her eine sehr gute Einstimmung. Noch besser wären zusätzlich die alljährlich angebotenen Testläufe der LG Mauerweg auf der Originalstrecke gewesen, doch leider lagen sie etwas ungünstig für meinen Terminplan. Ergänzt durch die Ultra-Erfahrungen der letzten Jahre fühlte ich mich sehr gut vorbereitet. Die Strecke selbst und das für den Buckle erforderliche Tempo machten mir wenig Sorgen; die entscheidende Frage schien eher, ob ich es kräftemäßig, mental und abhängig von Wetter und potentiellen körperlichen Problemen durchstehen würde, den Laufanteil genügend hoch und den Geh- und Pausenanteil entsprechend gering zu halten, um meine persönliche „Schallmauer“ zu knacken.

Kurzfristige Änderung

Am Wochenende vor dem Lauf wurde es plötzlich noch spannend: Das Start+Zielgelände am Eissportstadion stand (wegen eines Defekts?) von einem Tag auf den nächsten nicht mehr zur Verfügung. Wenn die Veranstaltung nicht ausfallen sollte, musste die Kerntruppe des Organisationsteams instantan einen neuen Ort finden! Dank sehr engagierter Mitarbeiter eines Bezirksamts konnte tatsächlich schnell ein Ersatz sehr nahe am Mauerweg gefunden werden, der im Wedding und somit nur wenige Kilometer vom ursprünglichen Start und Ziel entfernt lag. So weit so gut, doch damit ergab sich der berühmte Rattenschwanz an Folgeproblemen, die angegangen werden mussten: Die VP-Planungen verschoben sich um Stunden. Teils wurden aus kurzen morgendlichen VPs plötzlichen lange Nächte, die mit Schichtpersonal zu versehen waren. Die erstmals angebotene Wanderung würde statt 60 km gut 10 % länger (die Wanderstrecke wurde dann im letzten Teil vom Mauerweg abweichend auf einen direkteren Weg verändert, um halbwegs bei der Länge zu bleiben). Die Tracks mussten aktualisiert und hochgeladen werden, die lokale Umleitung ausgeschildert werden, zusätzliche Verkehrsgenehmigungen waren erforderlich, Busshuttles mussten neu geplant werden. Da die Wechselpunkte (WP) der Zweier- und Vierer-Staffeln an die festen großen VPs mit Dropbags gebunden sind, verschoben sich die zu laufenden Abschnitte erheblich (da das erste kurze Teilstück erheblich kürzer und das längste deutlich länger würde, wurde es den Staffeln letztlich komplett selbst überlassen, an welchem VP sie wechselten).

Volunteersarbeit

Für den Freitag vor dem Lauf hatte ich mich als Helfer für den Start+ Zielbereich angemeldet. Im Vergleich zum Eisstadion waren die Bedingungen deutlich anders und erforderten eine Menge Improvisation. Es gab nicht nur erheblich weniger Platz, sondern auch noch den normalen Betrieb eines lokalen Sportplatzes, der von Freitag bis Sonntag nebenher gewährleistet werden musste: Trainings und Wettkampfspiele, frei zu haltende Bereiche an Umkleiden, Toiletten und Spielflächen. So war spannend zu erleben, wie bei jedem Punkt immer wieder Unwägbares berücksichtigt werden musste. Egal was wo aufgebaut werden sollte, es war nicht die gewohnte Stelle und eine schnelle Alternative konnte vollkommen ungeeignet sein, weil ein kleines Rädchen im großen Getriebe nicht gleich vorhergesehen und einberechnet wurde. Als ich am späten Nachmittag zum Alexanderplatz fuhr um die Startunterlagen abzuholen und Pasta in mich hineinzustopfen (Danke für die schnelle Umbuchung des längst verpassten Timeslots!), hatte ich das Gefühl, das Zielgelände würde zwar nicht herausragend sein, aber die Mindestanforderungen erfüllen. Am nächsten Morgen vor dem Start sah es gleich viel besser aus, weil noch ein paar Anpassungen erfolgten und so viele Leute da und zufrieden waren. Beim Zieleinlauf war es einfach nur großartig!

Letzte Vorbereitungen

Die abendliche Vorbereitung bei meinem Bruder und Radbegleiter verlief fast routiniert; bei unserer Premiere 2021 waren wir deutlich aufgeregter und weniger organisiert. So waren die Fahrradtaschen schnell vorbereitet (dank zuhause gepackter Beutel) und auch die finalen Absprachen bald erledigt. Sogar eine kurze Abkühlung im Pool war noch drin. Mit eingecremten Füßen, abgeklebten Brustwarzen, angerührtem Haferbrei und bereit gelegten Klamotten und einer Schlaftablette im Magen legte ich mich planmäßig gegen zehn ins Bett. Die Nacht war recht gut für eine Nacht vor einem Lauf, das ist ohnehin weniger Schlaf als normal. Am Morgen hatte ich das Glück, dass -nach kurzem Fußweg zum Wachwerden- ein Bus direkt zum Start fuhr. Allerdings habe ich das Gelände erst nicht erkannt und bin eine Station zu weit bis zum S-Bahnhof Wollankstraße gefahren, doch es war noch genug Zeit.

Kleidungswahl

Wegen milder Temperaturen und guter Wetteraussichten trug ich nur das Volunteer-Shirt vom Mauerweglauf 2022, mein Favorit bei warmem Wetter. Dazu kamen Unterhose, Shorts, Zehensocken und Calves sowie anfangs Pulswärmer und Stirnband, später ein Basecap. Telefon mit Geldschein und Notfallausweis (Organspender) hatte ich in der neuen* linken Oberarmtasche, Brille, ein Riegel und den MP3-Spieler mit Kopfhörern in der rechten.

Mein Zeitplan

Mein Zeitplan für ein 24h-Finish war von einem Versuch von Michael Irrgang inspiriert und basierte auf einer reinen Laufgeschwindigkeit, die mit jedem Kilometer etwas abnehmen sollte, beginnend bei 7:00 min/km und endend bei gut einer Minute mehr je Kilometer. Zusätzliche drei Minuten Pause waren für jeden VP eingeplant sowie eine Stunde Puffer für Krisen, stärkere Wettereinflüsse und vermehrte Gehpausen in der finalen Phase. Eine laminierte Tabelle mit den VP-Positionen, deren Namen und Abstände und die jeweils geplanten Ankunftszeiten, der Einfachheit halber gerundet auf Viertelstunden, nahm ich für den ersten Streckenteil in der Hosentasche mit; für den weiteren Verlauf befand sich das entsprechend präparierte Blatt am Fahrradlenker. Ohne Armbanduhr zu laufen empfinde ich immer mehr als angenehmen Luxus. Bei diesem Lauf erfolgte der erste Zeitvergleich planmäßig nach etwa 20 km – mit einer Punktlandung.

Gemütlicher Start

Mit den letzten 20-30 Läufern startend war das geplante Anfangstempo gut umsetzbar, so ergab sich eine Zwischenplatzierung um 300 am ersten VP. Danach ging es bei lockeren Gesprächen langsam voran im Feld. Neben diversen bekannten und unbekannten Läufern war auch einer dabei, der permanent ging. Beim Anblick dieses „Wanderers“ meldete mein Gehirn, dass das Tempo ja wohl kaum hoch sein kann und ich da locker mithalten könnte. Während des sehr interessanten Gesprächs mit dem Ultrahiker Jannik Giesen klarte sich mein Irrtum immer mehr auf und ich liess ihn besser davon ziehen.
(Was Jannik über dutzende Stunden als Tempo zurücklegen kann, ist weit jenseits meines Leistungsbereichs. Er legt typisch 100 Meilen in der Woche zurück und hat beim Laufhaus Backyard im Juli mit 48 h = 322 km den zweiten Platz belegt, was zwei Buckles hintereinander entspricht! Den Mauerweglauf finishte er als Gesamt-Dreißigster in 19:40 h.)

Zwischenhoch

Das Wetter blieb zunächst nahezu perfekt mit sommerlich milden Temperaturen und teils bei leichtem Nieselregen, so das bis zum ersten großen WP in Hennigsdorf bei 29 km für mich alles recht locker lief. Im Vergleich zu meinem Zeitplan baute ich einen 15-minütigen Puffer auf und diesen langsam aus. Den Abschnitt kurz vor Hennigsdorf und bis Nieder Neuendorf hatten wir kürzlich bei der Heidi-Challenge in umgekehrter Richtung. An den Bereich um den Eiskeller habe ich kaum mehr Erinnerungen als jene, dass die ersten Staffeln überholten und die meisten Vierer dort ihre ersten Wechselpunkte hatten. Nicht viel später stiegen auch die Radbegleiter ein und so langsam wurde es sonnenklar und immer wärmer. Die meisten Fahrradbegleiter reisten ja mit S+U-Bahn an, wobei eine Anfahrt ab Bahnhof Spandau nach Westen zum VP 8 „Falkenseer Chaussee“ (47 km) empfohlen wurde. Da ich in dieser noch frühen Rennphase noch keine Probleme und keinen besonderen Betreuungsbedarf erwartete bzw. erhoffte, hatten wir bereits lange im Vorfeld abgemacht, dass mein Bruder von Spandau aus gleich Richtung Süden zum 6.5 km entfernten VP 9 „Karolinenhöhe“ fährt und dort auf mich wartet. Dadurch konnte er sich vormittags etwas mehr Zeit daheim nehmen und war nicht ganz so ewig im Sattel. Das galt nun noch mehr, da sich durch Verschiebung von Start und Ziel eine erheblich längere Begleitstrecke ergab (ca. 107 km). Ein weiterer angenehmer Nebeneffekt war die erheblich einfachere Pärchenfindung auf dem schmalen Weg neben der Kleingartenanlage bei VP 9. Außerdem lenkten die gegenseitige Begrüßung und Berichte über den bisherigen Tagesverlauf vom etwas eintönigen Teilstück entlang der B2 ab. So war der berühmte VP 10 „Pagel & Friends“ (59 km) bald erreicht und das bekannte Highlight. Jeder Läufer wird dort namentlich begrüßt und das Buffet ist herausragend, Sonderwünsche werden erfragt und nach Möglichkeit erfüllt – auch musikalische, glaube ich. Bei dieser Ausgabe kam mir der VP allerdings noch etwas zu früh, um ihn mit längerer Pause angemessen zu würdigen. Etwas Melone, ein paar Salzstangen sowie eine Kartoffel genügten, dann ging es weiter Richtung Altglienicker See mit der etwas anstrengenden Ortsquerung auf dem teils schmalen Fußweg und nach Sacrow über hügelige Abschnitte, die mir -Heidi sei gedankt- noch gut in Erinnerung waren und vielleicht auch daher recht leicht fielen. Am WP 2 (VP 11) beim Schloss Sacrow (66 km) hatte ich wie am WP1 keinen Dropbag hinterlegt, da der Wechsel auf Nachtkleidung und Beleuchtung nach dem aktualisierten Zeitplan erst beim WP 3 in Teltow erfolgen sollte und dank Radbegleitung noch genug Lebensmittelvorräte und notfalls auch Wechselsachen zur Verfügung standen. Deshalb war auch hier nur eine kurze Pause von wenigen Minuten angesagt. Im ursprünglichen Zeitplan war noch vorgesehen, eine Ersatz-Stirnlampe und eine Reflektorweste in die Radtasche zu packen für den Fall, dass WP3 erst nach 21 Uhr erreicht wird.

Hitze und Reibestellen

Ab dem Schlosspark Sacrow geht es bis zur Halbzeit an der Glienicker Brücke etwa 15 km mehr oder weniger am See entlang, obwohl die Luftlinie kaum mehr als einen Kilometer beträgt. Erneut war ich froh, diesen Abschnitt dank Heidi-Challenge gut zu kennen. Es war inzwischen ein schwülwarmer Sommernachmittag und der Schweiß schien besser zu laufen als wir Läufer. Jede Kühlung war willkommen, doch gerade hier folgten einige sonnige Abschnitte. Vereinzelt boten Anwohner ihre Gartenspritze als Duschbrause an. Ich wässerte mein Shirt und zog es wie Halstuch mit freiem Oberkörper oder -besonders schräg- nur über eine Schulter an. Später sollte ich feststellen, dass feuchte Sachen auf salzbeschichteter und empfindlicher Haut besonders gut reiben: Gerötete und wunde Stellen gab es dort, wo das nasse Shirt auflag, wo der laminierte Zeitplan in der Tasche überm Hintern auf meinem unteren Rücken rieb, und wo die Laufhose am Oberschenkel endete. Das alles wurde übertroffen vom linken Oberarm. Es gibt ja heutzutage nichts ohne 20-seitiges Handbuch! Auch eine Oberarmtasche für Handys braucht zwingend so ein Anhängsel, in dem in mehreren Sprachen steht, dass man es nicht bügeln, essen oder heiß waschen soll. Leider hatte ich diese Schnipsel nach dem Kauf am Freitag noch nicht entfernt und durfte im Tagesverlauf erleben, wie gut sich auf verschwitzter Haut erst rote Stellen und dann aufgeriebene Wunden bildeten, die teils unangenehm Flüssigkeit absonderten und heftig schmerzten.

Auf dem Königsweg nach Teltow

Hinter der Glienicker Brücke wartete eine kurzfristig angekündigte Überraschung: Werner Hanke begrüßte uns! Das angebotene Bier musste ich zwar ablehnen, die Limo schmeckte dafür um so besser. An der Brücke war in diesem Jahr die erste Streckenhälfte absolviert und das von mir 30 min früher als nach den im Marschplan ausgewiesenen 11 Stunden. Das zusätzliche Zeitpolster gab mir die beruhigende Gewissheit, dass mein Ziel wirklich zu schaffen sein würde, und reichlich Motivation, mit Ruhe und Optimismus weiter zu laufen. Hinzu kam das Wissen, kurz nach VP 14 „Gedenkstätte Griebnitzsee“ (85 km) auf den langen Königsweg einzubiegen, der sich zwar bis zum VP 15 sehr hinziehen und wie immer überraschend wellig sein würde, aber im Düppeler Forst und damit im Schatten liegt. Die sonnige Hitze sollte damit überwunden sein und damit einer der kritischen Punkte. Natürlich war es noch sehr weit bis zum Ziel und es konnte noch sehr viel passieren. Aber als ich 19 Uhr am WP 3 (VP 15, 98.2 km) in Teltow ankam, war ein wesentlicher Meilenstein erreicht: Nun waren es „nur“ noch etwas über 60 km, die dank bald einsetzender Dunkelheit ohne Hitze zu absolvieren waren und ich hatte für das große Ziel noch fast 11 h Zeit! Das waren 30 min mehr als im Zeitplan, der ja auch noch den einstündigen Puffer hatte. Zum ersten Mal gönnte ich mir eine längere Pause, setzte mich in der Teltower Turnhalle auf eine dicke Matte und ließ mich nach hinten fallen. Es sollte nur ein kleines „Powernapping“ sein, teilte ich meinem Bruder zur Beruhigung mit. Mit den Füßen auf dem Hallenboden schloss ich meine Augen und hörte die aufputschende, laute Musik in der Halle. Als ich nach ein paar Songs wieder die Augen öffnete, meinte mein Bruder, zwischendurch wäre eine junge Frau vorbei gekommen und hätte nach einem Blick auf mich gefragt: „Is he still alive?“ Das war Xuehe Jiang aus Hamburg, die mit mir beim FDZU längere Strecken um Zingst und auf dem Strandabschnitt zusammen gelaufen war. Sie hatte mich bereits erkannt und gegrüßt, als sie an einem VP auf ihren Staffelpartner wartete. In der Halle hatte ich sie bei meiner Ankunft gesehen, aber weil sie offensichtlich gerade gefinished hatte, wollte ich sie erst einmal zu Atem kommen lassen. Nun war sie leider bereits aufgebrochen und auch für mich war es Zeit, wieder auf die Beine zu kommen. Zunächst wollte ich wie üblich mit Essen und gefülltem Trinkbecher in der Hand losgehen und erst dann anlaufen, wenn alles weitgehend vertilgt wäre. Aber etwas war anders: Mir war plötzlich kalt! Der Körper hatte in den rund 20 min Pause seine Dauerleistung weit heruntergefahren und die Außentemperaturen lagen nur noch um 20 Grad. Das stellte sich als zu wenig für meine Sommerbekleidung heraus und es fehlte nicht mehr viel zum Schüttelfrost. Um diesen zu vermeiden, trabte ich los. Innerhalb der wenigen hundert Meter bis zum Marktplatz, an dem die Walker starteten (geniale Idee, das an diesem schönen Platz zu machen und gleichzeitig den Turnhallenbereich nicht zu überlasten!), wurde mir wieder wärmer. So ging es ohne zusätzliche Jacke, die auch gerade nicht verfügbar war, da mein Bruder endlich auch mal eine Pause haben sollte und ich ihn ermuntert hatte, noch ein wenig und möglichst in Ruhe zu essen und erst im Laufe der nächsten Kilometer aufzuschließen.

Ein langes Finale

Der folgende Abschnitt am Berliner Südrand bis Rudow war von der einsetzenden Dunkelheit geprägt. Bei den nun moderaten Temperaturen ging es teils recht angenehm auf wenig anspruchsvollen Postenwegen gut voran, teils gab es aber recht schmale Trampelpfade im Wald. Was oft als Single-Trail romantisiert wird, war für die Fahrradbegleiter eine echte Herausforderung und erschöpfte die Läufer zumindest auch mental ganz erheblich. Spätestens in diesem Bereich wünschte ich mir wieder etwas Musik vom Begleitrad, aber dafür notwendige Ausrüstung hatten wir nicht dabei. Kurzzeitig blieb ich mal an einem (Staffel-?)Läufer dran, dessen Radbegleitung eine musikalische Unterstützung bot. Erinnern kann ich mich nur, dass es zwar überhaupt nicht mein Musikstil war, das jedoch völlig egal und sehr willkommene Abwechslung war. Irgendwann ging es dann in die Stadt und der VP 20 in Rudow war erreicht.

Den nun folgenden, vermeintlich ewig langen Abschnitt neben dem Teltowkanal links und der Autobahn A113 rechts habe ich stets auf meiner Liste besonderer mentaler Herausforderungen. Sicherlich war es auch dieses Mal nicht leicht, aber wir hatten das große Glück, gefühlt immer zusammen mit anderen Läufern zu laufen. Es war keine feste Gruppe, aber stets war jemand in der Nähe, machte mal kürzere oder längere Gehpausen, überholte oder wurde überholt. So war für Abwechslung und Motivation gesorgt, wenngleich die Zeit für tiefschürfende Gespräche längst vorbei war. Nun wollte jeder nur noch ins Ziel kommen. Doch am Dammweg (VP 22), an dem ich vor zwei Jahren selbst die ganze Nacht über stand und dessen Standort wir bei der Heidi-Challenge ebenfalls passierten, war noch immer mehr als ein Halbmarathon zu bewältigen! Zunächst mussten wir durch die Partyzone Neuköllns, von der ich beunruhigende Dinge gehört hatte. Am Ende war es recht harmlos: In der Heidelberger und der Harzer Straße war wenig Party, den langen dunklen Park am Wiesenufer und Schlesischen Busch passierten wir „kontaktfrei“ und auf der Schlesischen Straße lief ich vor meinem Begleitrad auf dem (neuen) breiten Radstreifen und entging so der Party auf dem Bürgersteig. Auch an der morgens um drei Uhr immer noch gut besuchten East Side Gallery war der Radweg die logische Wahl, für meinen Bruder allerdings in der falschen Richtung. Wenig später fragte uns jemand, was wir denn hier machten. Um diese Uhrzeit wird wohl jede Antwort, die eine sportliche Betätigung beinhaltet, als verrückt eingestuft. Ob es sich um „so etwas wie ein Marathon“ handelt wie vermutet oder halt um fast das Vierfache, spielt dabei keine Rolle.
Bei mir stellte sich spätestens am Checkpoint Charlie (VP 24) langsam das Gefühl ein, dass wir nun gleich da sind. Doch es ging ja nicht wie üblich „nur noch“ durchs Regierungsviertel bis zum Erika-Hess-Eisstadion, sondern Straße für Straße weiter und weiter auf einem langen Weg über Gartenstraße und Bernauer Straße hoch Richtung Jahnsportpark, dann über die lange Fußgängerbrücke am Gesundbrunnen und unter der Bornholmer Straße durch, bis wir endlich Richtung S-Bahnhof Wollankstraße schwenken und kurz hinter diesem vom Mauerweg abbiegen konnten zum nun sehr nahen Ziel. Der Zieleinlauf war ein Hochgenuss, mit einer kleinen aber langen Gasse geformt aus Kugelleuchten und dem anschließenden Weg auf dem roten Teppich! Geschafft und superglücklich kam ich mir vor, als würde ich noch total locker sein. Das war sicher nicht der Fall, doch es fühlte sich nicht nach der totalen Erschöpfung an, nach welcher der Körper völlig austicken könnte. Wie sich bereits in den letzten Stunden des Laufs immer mehr abzeichnete, war das selbst gesetzte Ziel mit reichlich Zeitreserve geschafft!

Geschafft!

Wie zu erwarten, strömten trotz des relativ gering gefüllten Zielgeländes sehr viele Eindrücke auf mich ein: Hier das Zelt mit meinem Gepäck, dort etwas zu essen und trinken, dann weitere Mitstreiter der letzten Stunden, die ebenfalls eintrafen. Ich fand kaum Zeit, meinem Bruder zu danken, der inzwischen eine Suppe gegessen und sich auf den Heimweg gemacht hatte. Plötzlich war auch Franz da, den hatte ich beim Einlauf gar nicht bemerkt! Wie viel Glück wir noch mit dem Wetter hatten, stellte sich anhand des nass gewordenen Zielgepäcks heraus, denn am Samstagabend waren im Berliner Nordosten alle von enormen Regenmassen überrascht worden, von denen wir im Süden überhaupt nichts ahnen konnten. Das ging leider viel zu schnell für die Helfer im Zielbereich und so konnten sie hunderte zuvor akkurat angeordneter Beutel nicht mehr rechtzeitig ins Trockene retten. Manch einer musste deshalb mit seinen Laufsachen nach Hause oder ins Hotel fahren, um dort zu duschen und sich mit trockener Kleidung zu versorgen. Vermutlich wird das teils sehr ärgerlich gewesen sein, doch ich hörte definitiv niemanden klagen. Mir selbst kam eine (eigentlich untypisch) sorgfältige Planung zugute, denn ich hatte ja daheim eine Plastiktüte mit dem Zielgepäck gepackt und diese direkt in den vom Veranstalter gestellten Beutel getan. So wurde nur ein Unterhemd nass, das optional als Startkleidung eingeplant war und erst unmittelbar vor dem Start in den Beutel wanderte. Nasse Dropbags und Zielgepäck sind natürlich für einen Veranstalter eigentlich ziemlich peinlich. Doch da möchte ich unbedingt daran erinnern, dass es hier ein Provisorium gab und im vorgesehenen Eisstadion ganz andere Platzverhältnisse zur Verfügung stehen. Trotzdem lautet eine Lektion des Laufs, dass man seine Sachen in Dropbags lieber noch zusätzlich in regendichten Beuteln verstauen sollte (zumindest, wenn die lokalen Begebenheiten nicht genau bekannt sind!). In den Umkleideräumen lagen auf dem Boden einige Läufer in Schlafsäcken, die wohl für diese Nacht kein Hotelzimmer gebucht hatten und nun versuchten, Ruhe und Schlaf zu finden. Die Duschen waren schön warm und es war genügend Platz, so dass wir uns dort umziehen konnten. Auf den ersten Bus musste ich leider einige Zeit warten (wer zu früh ankommt, den bestraft das Leben halt auch manchmal…) und ging noch mehrere Haltestellen weiter, da ja sonst nichts zu tun war. Die S+U-Bahnen fahren am Wochenende zwar auch nicht durch, aber viel länger und haben stets Nachtlinien als Ersatz – insofern ist auch das am Eisstadion wohl eher kein Problem.

Die Siegerehrung am Nachmittag im H4 Hotel war eine schöne Veranstaltung, bei der ich dem wohl etwas überraschten Rainer Eppelmann dankte, dass er 1990 in seiner ersten Amtshandlung als DDR-Verteidigungsminister den Befehl gab, dass nun jeder Zivildienst leisten durfte. Unsere Kompanie war innerhalb drei Wochen nach Bekanntgabe weg ins nützliche Leben.

Fazit

Eine Schlussfolgerung stellte sich im Laufe der nächsten Wochen und Monate ein: Eine solch umfangreiche Vorbereitung wird nicht mehr oft möglich sein. Ich habe mir selbst gezeigt, dass ich es kann, die 100 Meilen innerhalb 24 h zu absolvieren, doch es hat enormen Aufwand gekostet. Zu schnelleren Zeiten ist nicht mehr viel möglich; eine Viertelstunde oder vielleicht ein paar Minuten mehr sind immer drin, doch bei etwas ungünstigeren Rahmenbedingungen bezüglich Wetter, Blasen, Magenproblemen oder dergleichen kann es auch schnell mal eine halbe oder ganze Stunde länger dauern. Deshalb glaube ich aktuell nicht, dass ich mir noch einmal eine solche Zeit vornehmen werde. 2025 steht die Back-to-back-Medaille auf dem Plan, aber dazu muss ich den Mauerweglauf nicht unbedingt in 24 h finishen, wenn der Cutoff bei 30 h liegt. Es ist ein wunderbar organisierter Lauf, ein eher leichterer Hundertmeiler wegen der wenigen Höhenmeter, der vielen Verpflegungspunkte, der hervorragenden Ausschilderung, der vielen Mitläufer, der möglichen Radbegleitung und begeisternder Helfer an der Strecke. Ich hoffe und plane, noch oft Mitte August nach Berlin zu kommen, sei es als Läufer oder als Helfer.